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17. Juli 1998

Um das Geburtshaus Fulda in der Fuldaer Nachbargemeinde Künzell gibt es seit einiger Zeit heftigen Streit. Weil bei Geburten unvorhergehene Zwischenfälle passieren können, und dann nicht sofort ein Arzt, Operationssaal und andere Klinikeinrichtungen bereitstehen, sei das Risiko für Mütter und vor allem die Kinder viel zu groß, um dort zu entbinden - warnen viele Ärzte und Klinikvertreter. Andererseits schwärmen viele Frauen, die ihr Kind im Geburtshaus bekommen haben, von der persönlichen Atmosphäre,  die sich wohltuend abhebt vom sterilen Klinikbetrieb. Umstritten sind Zahlen des Fuldaer Gesundheitsamtes: Danach habe es fünf Fälle im Geburtshaus bzw. bei Hebammen aus dem Geburtshaus gegeben, bei denen Kinder Hirnschädigungen erlitten. Drei davon bestreiten die Hebammen - in zwei weiteren Fällen, sagt das Geburtshaus, sei die Ursache noch nicht geklärt.

Eine der betroffenen Frauen ist Tanja Samland aus Hauneck in der Nähe von Bad Hersfeld. Ihre Tochter Melina ist 20 Monate alt - sie ist auf dem Stand eines sechs Monate alten Kindes.

„Die Melina hat einen ganz schweren Sauerstoffmangel erlitten. Daraus resultierend hat sich sehr viel Gehirngewebe zurückgebildet - es ist halt kaputtgegangen. Die Schädigung ist vom Stammhirn an über das ganze Gehirn in verschiedenen Regionen verteilt. Dadurch hat sie ein Krampfleiden bekommen, das auch weiterhin vorhanden ist und vorhanden sein wird, und ist blind".

Dazu kommen eine Spastik in Armen und Beinen, und Probleme mit der Muskulatur im Mundbereich. Die Geburt Melinas hat das Leben von Tanja Samland und ihrem Mann Werner - er ist Berufssoldat - völlig verändert:

„Wir haben anfangs viele Klinikaufenthalte gehabt. Diese Klinikaufenthalte halten auch weiterhin an. Man muß ziemlich viele Strecken zurücklegen, um gute Therapeuten zu finden. Also: es ist immer ein sehr großer Zeitaufwand auch damit verbunden. Ja, und das Kind braucht halt rund um die Uhr Betreuung, durch ihr Krampfleiden, tags wie nachts. Es gibt halt keine geregelten Rhythmen wie Mittagsschlaf, Abendschlaf, das ist halt alles ein bißchen anders bei den Kindern. Sie ist auf dem Stand von einem sechs Monate alten Kind, sie kann nicht krabbeln, sie kann nicht laufen, sie kann nicht sprechen, sie kann keine feste Nahrung zu sich nehmen".

Tanja Samland wird wohl nie mehr in ihrem Beruf als Krankenschwester arbeiten können - das Kind braucht sie ganz. Die Samlands brauchen ein größeres Auto, sie müssen ihre Haus behindertengerecht ausbauen.

Tanja Samland ist davon überzeugt, daß Melina erst bei der Geburt im Geburtshaus Fulda geschädigt wurde. Denn sie habe eine „Bilderbuchschwangerschaft" gehabt, es gab keinerlei Hinweise auf Schädigungen. Bei der Geburt lag sie sehr lange in den Presswehen. Aber: Das Kind kam nicht, sie konnte es nicht herauspressen und sie war sehr erschöpft:

"Und ich hab’ dann halt gebeten, ob wir in die Klinik verlegt werden können. Da hat die Hebamme mich ziemlich barsch angefahren, ich sollte meine Kräfte für was anderes sparen und hat es nicht für nötig gehalten, uns in die Klinik zu verlegen"

Da steht aber Aussage gegen Aussage: Denn die Hebammen haben zu Protokoll gegeben, daß es genau umgekehrt war: Sie hätten Tanja Samland in die Klinik verlegen wollen, aber die hätte das abgelehnt.

Jedenfalls kam das Kind dann doch heraus. Werner Samland wirft den Hebammen aber Fehler um Fehler vor: Melina habe sich gar nicht bewegt, hatte Reflexatmung, wobei sie den Brustkorb beim Atmen einzog, und machte ansonsten nichts. Ganz schlaff sei sie gewesen. Noch angenabelt, sei sie in ein Entspannungsbad gelegt worden und abgesaugt,

"welches ja wohl mit warmen Wasser auch nicht richtig ist, weil normalerweise kaltes Wasser Reflexe auslösen soll, die für die Kinder ja wichtig sind"

Dann wurde das Kind abgenabelt. Als die Hebammen Sauerstoff zuzugeben versuchten, hätten sie die Sauerstoffflasche nicht richtig bedienen können, weil der Verschluß sehr fest verschlossen war und die Sauerstoffmaske auch nicht richtig aufgelegt gewesen sei. Werner Samland:

„Dann haben sie so langsam gemerkt, daß da irgendwas nicht stimmt und haben in der Klinik angerufen - wobei der erste Anruf auch nicht unbedingt als Notfall deklariert wurde: sie haben also dort auf der Station angerufen, in der Intensivstation, und nicht bei der Leitstelle, wo der Wagen ja hätte herkommen müssen. Und dann haben sie dort nochmal angerufen, haben es eben als Notfall deklariert, und dann lief das so langsam an und dann verging nochmal eine gute halbe Stunde, bis das Auto auch da war".

Mit dieser Zeitspanne müsse man immer rechnen, bis der Notarzt da ist - da könne man der Klinik keinen Vorwurf machen, meint Melinas Vater. Aber, sagt er:

„Es ist eine halbe Stunde ohne Sauerstoff, und wenn diese halbe Stunde nicht gewesen wäre, dann wäre wahrscheinlich auch der Schaden - mit Sicherheit - wesentlich geringer"

Tanja Samland meint, die Hebammen wären mit der Situation überfordert gewesen. Dabei hatte sie sich ja bewußt für das Geburtshaus entschieden:

„Die Gegebenheiten in einem Geburtshaus sind halt einfach familiärer. Aber wichtig war für uns, daß wir halt in den Vorgesprächen abklären konnten, daß halt ein Arzt im Falle eines Notfalls erreichbar ist und dies wurde uns auch mehrfach bestätigt - und nicht nur uns, sondern auch anderen Familien - und daß sie halt, sobald es nur irgendwelche Komplikationen gibt, in die Klinik verlegen"

Das seien für sie ganz wichtige Dinge gewesen, so Tanja Samland, auf die sie sich ganz fest verlassen hätten,

"und sind leider ganz bös enttäuscht worden - ansonsten hätte ich mich nie für dieses Geburtshaus entschieden!"

Vor Gericht wollen Melinas Eltern jetzt Schadensersatz erwirken und eine monatliche Rente für das Kind. Denn Melina werde nie selber Geld verdienen können und immer auf fremde Hilfe angewiesen sein. Das Landgericht Fulda hat einen Gutachter bestellt - der soll feststellen, ob Melina durch Fehler der Hebammen im Geburtshaus zu Schaden kam; oder ob sie schon im Mutterleib geschädigt war. Wann es da zu einer Entscheidung kommen wird, ist noch unklar.

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"Geburtshaus oder Klinik - Streit im Landkreis Fulda" vom 18. Juni 1998

Links zum Thema Geburtshaus



© 1998 Christoph Käppeler
 

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